Longevity in der Hotellerie: Zwischen Hype, Verantwortung und echter Transformation

Der Hype um Longevity – und warum er oft am Kern vorbeigeht?

Ein Gespräch mit Karin Niederer, Managing Partner bei Kohl & Partner

Longevity ist derzeit das wohl meistgenannte Zukunftsthema im Wellness- und Spa-Kontext. Von Biohacking über Kryokammern bis zu Sauerstofftherapien – kaum ein Hotel, das sein Angebot nicht um „Langlebigkeit“ erweitert. Doch was davon ist Trend, was ist Transformation – und was ist bloß Marketing? Karin Niederer, Spa- und Wellness-Expertin, Beraterin und Managing Partner bei Kohl & Partner, bringt im Gespräch mit hotelimpulse Licht ins Dunkel: mit Klarheit, Fachwissen und einem deutlichen Appell an die Branche.

Zwei Anbieter und Longevity-Spezialisten haben vorab ihre Sichtweise geteilt.

„Longevity im Hotel ist kein Trend, sondern ein Qualitätsversprechen: messbare Regeneration für Gäste – und mehr Wertschöpfung für Betriebe.“ sagt Barbara Sekulovska, CEO von Luminous Labs

„Gäste wollen heute nicht nur entspannen, sondern gesund, energiegeladen und vital nach Hause zurück.“ weiß  Mario Stranz, Geschäftsführer von Refresh Your Life

Karin Niederer ergänzt aus Erfahrung:

Ein Gerät macht kein Longevity. Es braucht ein Konzept, Diagnostik und Verantwortung dem Gast gegenüber.

Für sie ist klar: Longevity wird häufig als Marketingmantel verwendet, während die Tiefe fehlt und der Gast keine Erwähnung findet.

Die Pyramide: Wo Betriebe wirklich stehen

 

Abbildung: Visualisierung der 4 Entwicklungsstufen (Quelle: © Rizzato Spa Consulting)

 

Die von Rizzato (© Rizzato Spa Consulting) entwickelte Pyramide bietet eine Visualisierung der vier Entwicklungsstufen.

  1. Wellness – Hardware, Treatments, klassische Anwendungen
  2. Wellbeing – ganzheitliche Ausrichtung
  3. Healthstyle – Erweiterung mit Kernkompetenzen (Bewegung, Ernährung, Mental Health)
  4. Longevity (Goldstandard) – Diagnostik, Individualisierung, medizinische Expertise, tiefe Konzepte

Laut Niederer befinden sich die meisten Betriebe heute „maximal auf Stufe 2, einige wenige auf Stufe 3“. Stufe 4 erreichen nur Betriebe, die ganzheitlich denken und diagnostisch arbeiten.

Erfolgsfaktoren für Longevity in Hotellerie

1. Wo der Markt steht – und warum viele Angebote ins Leere laufen

Die Spa Sentiment Survey 2024 zeigt deutlich (© Spa Sentiment Survey 2024, SCC – Spa Competence Circle (Nungesser, Rizzato, Niederer):

  • Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit werden als wichtig eingeschätzt
  • Diagnostische Verfahren wie Energielevelmessung oder Leistungsdiagnostik rangieren deutlich niedriger
  • Hotels priorisieren Wohlfühl-Aspekte, nicht Analyse-Instrumente

Die Studie insgesamt zeigt jedoch darüber hinaus:

  • Ernährung wird als sehr wichtig gesehen, aber kaum analysiert
  • Bewegung, Schlaf und Stress gelten als relevant, werden jedoch selten diagnostisch begleitet
  • Ziele der Gäste werden oftmals zu spät abgefragt (erst im Spa)

Niederer nennt das klar beim Namen: „Wir sind im Wellnessbereich noch weit entfernt von fundierter Gesundheitsorientierung.“

2. Was echte Longevity wirklich bedeutet

Für echte Longevity braucht es:

  • Diagnostik vor oder im Aufenthalt
  • medizinischen Support und evidenzbasierte Methoden
  • Schlafqualität statt nur „schöne Zimmer“
  • Ernährungskonzepte statt Smoothies
  • Krafttraining (Schlüsselfaktor für gesundes Altern)
  • Stressmanagement

Niederer betont: „Longevity ist ein ganzheitliches System – keine Liste von Geräten.“

3. Die soziale Dimension – das oft vergessene Puzzlestück

Longevity besteht nicht nur aus Biologie und Diagnostik. Ein zentraler Baustein: Social Health.
Die Blue Zone-Forschung zeigt: Langlebigkeit entsteht durch Verbundenheit.
Niederer erzählt von einem Saunaaufguss, der zum „Social Happening“ wurde – ein lebendiges Beispiel, wie Gemeinschaft Energie erzeugt.

Hotels könnten diesen Faktor wesentlich stärker integrieren:

  • Gruppensessions
  • Rituale
  • Bewegungsprogramme
  • Digital unterstützte Routinen
  • Mikroverhaltensänderungen (z. B. Stiegen nutzen)

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4. Wo Hotels anfangen sollten – ohne sich zu überschätzen

Niederers Empfehlung:

  1. Mindset klären – passt das zu unserer Zielgruppe?
  2. Teamkompetenz aufbauen
  3. Konzept vor Hardware
  4. Diagnostik einplanen
  5. Partner einbinden (medizinisch, therapeutisch)
  6. Nachbetreuung inkludieren

Ihr Appell: „Bitte unterschätzt die Tiefe nicht. Andernfalls wird es Longevity-Washing.“

5. Ein Markt mit Potenzial – aber nicht für alle

Für welche Hotels Longevity sinnvoll ist:

  • Hochwertige Wellnessresorts
  • Destinationen mit internationalem Publikum
  • Hotels mit medizinischem oder therapeutischem Partner
  • Häuser, die bereit sind, in Team & Diagnostik zu investieren

Longevity wird in den nächsten Jahren wachsen – „aber sicher nicht flächendeckend“. Für Niederer ist klar: „Die Gewinner werden jene sein, die das Thema seriös, tief und konsequent angehen.“

Fazit: Mehr als ein Trend – ein Auftrag an die Branche. Longevity ist kein Wellness-Upgrade. Keine Marketingformel. Und kein Gerät, das man im Spa platziert. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Gesundheit, Regeneration, Prävention und Wissen vereint – und von der Hotellerie verlangt, Verantwortung zu übernehmen.

Karin Niederer bringt es zum Abschluss auf den Punkt:
„Longevity funktioniert nur, wenn wir es wissenschaftlich, konzeptionell und mit echter Tiefe angehen.“

Hotels, die diesen Weg gehen, schaffen Zukunft. Alle anderen bleiben Teil des Hypes – nicht der Entwicklung.

Vivien Schulter,
Chefredakteurin
hotelimpulse.at

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